Schneller lernen mit System
Schneller lernen klingt zunächst nach einem Widerspruch. Lernen braucht schließlich Zeit. Vokabeln müssen wiederholt, Zusammenhänge verstanden und Wissen gefestigt werden.
Trotzdem kann man sehr viel schneller lernen, wenn man nicht einfach mehr Zeit investiert, sondern die vorhandene Zeit besser nutzt.
Der entscheidende Gedanke lautet:
Schnelles Lernen ist kein einzelner Trick. Es ist ein System.
Lernen beginnt nicht mit dem Auswendiglernen
Viele Lernende beginnen sofort damit, einen Text mehrfach zu lesen. Das fühlt sich produktiv an: Man liest eine Seite, liest sie noch einmal und erkennt beim dritten Durchgang vieles wieder.
Das Problem: Wiedererkennen ist nicht dasselbe wie Erinnern.
Wer einen Text vor sich hat, bekommt die Informationen präsentiert. Beim späteren Abrufen fehlen diese Hilfen.
Genau deshalb ist eine der wirksamsten Lernmethoden erstaunlich simpel:
Buch zu – und versuchen, sich zu erinnern.
In der Lernforschung wird dieses Vorgehen als Retrieval Practice oder Abrufübung bezeichnet. Studien zeigen, dass aktives Abrufen langfristiges Lernen häufig stärker unterstützt als wiederholtes Lesen.
Eine bekannte Untersuchung von Roediger und Karpicke zeigte beispielsweise, dass wiederholtes Abrufen die langfristige Behaltensleistung deutlich verbessern kann.
Roediger & Karpicke (2006), Test-Enhanced Learning
Schritt 1: Erst verstehen, dann merken
Ein häufiger Fehler besteht darin, Informationen zu speichern, bevor man verstanden hat, was sie eigentlich bedeuten.
Nehmen wir die Aussage:
Die Französische Revolution begann 1789.
Man kann diese Information stumpf auswendig lernen.
Oder man fragt:
Warum kam es zur Revolution? Was bedeutete sie? Was änderte sich danach?
Jetzt entsteht ein Zusammenhang:
1789 → Französische Revolution → Aufklärung → Freiheit und Gleichheit → Ende der alten Gesellschaftsordnung → Napoleon
Die Jahreszahl 1789 bekommt dadurch mehrere Anknüpfungspunkte.
Das ist nicht nur für Allgemeinbildung interessant. Auch beim Lernen von Fachwissen hilft Vorwissen dabei, neue Informationen einzuordnen.
Die Lernpsychologie beschreibt diesen Effekt unter anderem über die Bedeutung von Vorwissen und elaborierter Verarbeitung.
National Academies – How People Learn
Schritt 2: Wissen in Strukturen verwandeln
Ein Text besteht aus Sätzen. Wissen besteht jedoch häufig aus Strukturen.
Nehmen wir ein typisches Prüfungsthema:
Fotosynthese
Eine schlechte Lernstrategie wäre, einen ganzen Absatz Wort für Wort auswendig zu lernen.
Eine bessere Struktur könnte lauten:
Fotosynthese
→ Wo? Chloroplasten
→ Was wird benötigt? Licht + Wasser + CO₂
→ Was entsteht? Glucose + Sauerstoff
→ Wozu? Energiegewinn und Aufbau organischer Stoffe
Aus einem langen Text wird ein kleines Gerüst.
Dieses Gerüst kann anschließend wieder mit Details gefüllt werden.
Genau deshalb sind Mindmaps, Diagramme, Tabellen oder selbst formulierte Zusammenfassungen nicht bloß hübsche Lernhilfen. Sie zwingen dazu, Informationen zu ordnen und Beziehungen sichtbar zu machen.
Dabei sollte man allerdings nicht dem Irrtum erliegen, jede Information müsse unbedingt als Mindmap dargestellt werden. Die Methode muss zum Inhalt passen.
Schritt 3: Verknüpfen statt stapeln
Das Gehirn muss keine Sammlung isolierter Fakten aufbauen.
Nehmen wir die Zahl:
1492
Isoliert bedeutet sie wenig.
In einem Wissensnetz kann daraus werden:
1492 → Kolumbus → Atlantik → Spanien → Suche nach einem Seeweg nach Asien → europäische Expansion
Jede neue Information bekommt dadurch bereits vorhandene „Haken“, an denen sie befestigt werden kann.
Das erklärt auch ein interessantes Phänomen:
Menschen mit viel Vorwissen können neue Informationen oft schneller aufnehmen.
Ein Historiker muss nicht jede Information über das Römische Reich von Grund auf neu einordnen. Neue Details können an ein bereits vorhandenes Netz angeschlossen werden.
Lernen wird dadurch zunehmend zu einem Prozess des Ankoppelns.
Schritt 4: Abrufen statt wiederlesen
Jetzt kommt der vielleicht wichtigste Bestandteil eines guten Lernsystems.
Nach dem Lernen sollte man nicht einfach noch einmal lesen.
Man sollte sich fragen:
Was weiß ich noch, wenn die Unterlagen geschlossen sind?
Beispielsweise:
Frage: Wann begann die Französische Revolution?
Antwort: 1789.
Dann schwieriger:
Frage: Welche geistige Strömung beeinflusste die Französische Revolution?
Antwort: Die Aufklärung.
Und noch schwieriger:
Frage: Welche Verbindung besteht zwischen Aufklärung, Französischer Revolution und Menschenrechten?
Jetzt wird nicht mehr nur eine Jahreszahl abgefragt. Das Wissensnetz wird aktiviert.
Genau diese Art des aktiven Abrufs ist ein Grundpfeiler effektiven Lernens.
Dunlosky et al. (2013), Improving Students’ Learning With Effective Learning Techniques
Schritt 5: Im richtigen Abstand wiederholen
Auch das beste Verständnis schützt nicht automatisch vor dem Vergessen.
Das Gedächtnis verändert sich mit der Zeit. Ohne erneute Aktivierung verschwinden viele Informationen zunehmend aus dem leicht zugänglichen Erinnerungsbereich.
Deshalb ist verteiltes Lernen so wirkungsvoll.
Statt zwei Stunden an einem Abend zu lernen, kann es sinnvoller sein, den Stoff über mehrere Zeitpunkte zu verteilen.
Zum Beispiel:
Tag 1 → Tag 2 → Tag 4 → Tag 8 → Tag 15 → Tag 30
Die Abstände sind dabei kein Naturgesetz. Entscheidend ist das Prinzip:
Nicht alles auf einmal, sondern mehrfach mit wachsendem Abstand abrufen.
Die Forschung bezeichnet dies als Spacing Effect. Eine große Übersichtsarbeit zeigt, dass zeitlich verteiltes Lernen gegenüber konzentriertem Lernen deutliche Vorteile für das langfristige Behalten haben kann.
Cepeda et al. (2006), Distributed Practice in Verbal Recall Tasks
Schritt 6: Schwieriger werden – aber nicht sinnlos schwierig
Interessanterweise ist die effektivste Lernmethode nicht immer die angenehmste.
Wenn man beim Lesen alles sofort wiedererkennt, entsteht ein Gefühl von Sicherheit.
Beim Abrufen dagegen muss das Gehirn arbeiten.
Man weiß vielleicht zunächst nur:
„Da war doch etwas mit 1789 …“
Man sucht im Gedächtnis, findet den Zusammenhang und ruft die Information ab.
Genau diese Anstrengung kann Lernen besonders wirksam machen.
In der Forschung spricht man teilweise von Desirable Difficulties, also erwünschten Erschwernissen. Robert Bjork und Elizabeth Bjork beschreiben damit Lernbedingungen, die kurzfristig schwieriger erscheinen können, langfristig aber die Erinnerungsleistung verbessern.
UCLA – Bjork Learning and Forgetting Lab
Ein System statt zehn Lerntipps
Damit wird aus vielen einzelnen Lerntechniken ein relativ einfaches System:
1. Verstehen
Was bedeutet die Information?
↓
2. Strukturieren
Was sind die wichtigsten Bestandteile?
↓
3. Verknüpfen
Womit hängt das Wissen zusammen?
↓
4. Abrufen
Was kann ich ohne Vorlage wiedergeben?
↓
5. Verteilen
Wann sollte ich es erneut abrufen?
↓
6. Anwenden
Kann ich das Wissen in einer neuen Situation benutzen?
Dieser letzte Schritt wird häufig unterschätzt.
Wer beispielsweise eine Definition auswendig kennt, hat noch nicht unbedingt verstanden, wie sie funktioniert. Erst wenn man sie auf ein neues Beispiel anwenden kann, zeigt sich, ob das Wissen wirklich flexibel verfügbar ist.
Schneller lernen bedeutet deshalb nicht: schneller lesen
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Man kann einen Text in zehn Minuten lesen und anschließend fast nichts davon erinnern.
Oder man kann zwanzig Minuten investieren, den Text strukturieren, die wichtigsten Aussagen aus dem Gedächtnis abrufen und einige Tage später erneut testen.
Die zweite Methode kann auf den ersten Blick langsamer wirken.
Für das langfristige Lernen ist sie häufig schneller.
Denn beim Lernen zählt nicht nur die Zeit bis zum ersten Verständnis.
Entscheidend ist die Zeit, die benötigt wird, bis das Wissen zuverlässig abrufbar ist.
Damit verändert sich auch die entscheidende Frage:
Nicht:
„Wie schnell kann ich diesen Stoff durchlesen?“
sondern:
„Wie schnell kann ich diesen Stoff verstehen, vernetzen und dauerhaft abrufen?“
Genau darin liegt der Kern des Lernens mit System.