Allgemeinbildung als Wissensnetz
Wer Allgemeinbildung aufbauen möchte, steht vor einem scheinbaren Problem: Die Welt produziert mehr Wissen, als ein Mensch jemals lernen kann. Geschichte, Politik, Naturwissenschaften, Kunst, Philosophie, Geografie – überall warten Tausende von Fakten.
Doch vielleicht ist genau das die falsche Vorstellung von Allgemeinbildung.
Ein gutes Allgemeinwissen besteht nicht darin, möglichst viele einzelne Informationen im Kopf zu speichern. Entscheidend ist vielmehr, wie diese Informationen miteinander verbunden sind.
Vom Faktenhaufen zum Wissensnetz
Nehmen wir die Jahreszahl 1789.
Man kann lernen: 1789 begann die Französische Revolution.
Das ist korrekt. Aber zunächst bleibt es ein einzelner Informationsbrocken.
Interessanter wird es, wenn daraus ein kleines Wissensnetz entsteht:
1789 → Französische Revolution → Aufklärung → Menschenrechte → Ende der ständischen Ordnung → Napoleon → Neuordnung Europas
Plötzlich bekommt die Jahreszahl einen Kontext. Sie steht nicht mehr allein, sondern hängt mit politischen, philosophischen und historischen Entwicklungen zusammen.
Die Französische Revolution begann tatsächlich 1789; die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte wurde im selben Jahr von der französischen Nationalversammlung verabschiedet.
Bundeszentrale für politische Bildung: Französische Revolution
Deutsches Historisches Museum: Französische Revolution
Unser Gedächtnis arbeitet mit Verbindungen
Warum ist diese Vernetzung so hilfreich?
Eine wichtige Erklärung liefert die Gedächtnisforschung: Erinnerungen lassen sich leichter abrufen, wenn es mehrere Anknüpfungspunkte gibt. Neue Informationen können dabei an bereits vorhandenes Wissen angeschlossen werden.
In der Lernpsychologie spricht man unter anderem von Elaboration: Eine Information wird nicht nur wiederholt, sondern mit Bedeutung, Vorwissen und anderen Informationen verknüpft.
Ein Beispiel:
Aristoteles – 384–322 v. Chr. – Tugend – Nikomachische Ethik
Das sind vier Informationen.
Noch besser wird daraus:
Aristoteles → Schüler Platons → griechische Philosophie → Tugend als eingeübte Haltung → Nikomachische Ethik → Einfluss auf die europäische Philosophie
Jetzt besitzt Aristoteles mehrere „Eingänge“ in das Gedächtnis.
Die Forschung zur sogenannten elaborativen Verarbeitung zeigt, dass die Bedeutung und Verknüpfung von Informationen für das spätere Erinnern eine wichtige Rolle spielt.
Craik & Lockhart, 1972 – Levels of Processing
Allgemeinbildung braucht deshalb Beziehungen
Wer beispielsweise Philosophen nur als Liste lernt, erhält:
- Sokrates
- Platon
- Aristoteles
- Descartes
- Kant
- Nietzsche
Das ist zwar Wissen, aber noch kein besonders leistungsfähiges Wissensnetz.
Spannender wird die Frage:
Wer beeinflusste wen? Welche Probleme beschäftigten die Philosophen? Welche historischen Ereignisse prägten ihre Gedanken? Und welche Ideen wurden später weiterentwickelt oder kritisiert?
Dann entstehen Verbindungen:
Sokrates → Platon → Aristoteles
und später beispielsweise:
Descartes → Rationalismus → Kant → Kritik der reinen Vernunft
oder:
Aufklärung → Vernunft → Kant → Französische Revolution → moderne Menschenrechte
Die einzelnen Fakten werden dadurch zu Knotenpunkten in einem größeren geistigen Netz.
Das Gehirn ist allerdings kein perfektes Spinnennetz
Der Begriff „Wissensnetz“ ist ein nützliches Modell, aber man sollte ihn nicht wörtlich verstehen.
Das menschliche Gedächtnis speichert Wissen nicht einfach wie eine Mindmap auf einer Festplatte. Erinnern ist ein komplexer Vorgang, bei dem unterschiedliche Gedächtnissysteme und neuronale Prozesse zusammenwirken.
Die Idee des Wissensnetzes passt trotzdem gut zu einem grundlegenden Prinzip des Lernens: Vorwissen beeinflusst, wie neue Informationen verarbeitet und erinnert werden.
Wer bereits viel über das Römische Reich weiß, kann neue Informationen über Augustus leichter einordnen. Für einen Anfänger ist dieselbe Information zunächst ein isolierter Name.
Deshalb kann Allgemeinbildung einen interessanten Effekt erzeugen:
Je mehr man weiß, desto leichter kann man manches Neue lernen.
Nicht, weil Wissen automatisch weiteres Wissen erzeugt, sondern weil vorhandene Strukturen neue Informationen aufnehmen können.
Eine gute Übersicht zu diesem Zusammenhang bietet die American Psychological Association:
Prior Knowledge and Learning – APA
Die Kunst besteht im Verknüpfen
Das bedeutet für das Lernen: Nicht jede Information muss sofort mit zehn anderen Informationen verbunden werden.
Oft genügt zunächst eine gute Verbindung.
Lernt man beispielsweise:
1492 → Kolumbus erreicht Amerika
kann eine zweite Frage daraus entstehen:
Warum war diese Reise überhaupt möglich?
Dann führen die Verbindungen beispielsweise zu:
1492 → Kolumbus → Atlantik → Portugal/Spanien → Navigation → Gewürzhandel → Osmanisches Reich → europäische Expansion
Und schon wird aus einer Jahreszahl ein kleiner Ausschnitt Weltgeschichte.
Dabei entstehen zwangsläufig auch Korrekturen des eigenen Wissens. Kolumbus „entdeckte“ Amerika beispielsweise nicht im wörtlichen Sinn: Auf dem Kontinent lebten bereits zahlreiche indigene Gesellschaften. Außerdem war Kolumbus überzeugt, einen westlichen Seeweg nach Asien gefunden zu haben.
Auch solche Widersprüche sind wertvoll. Sie erzeugen zusätzliche Verbindungen.
Allgemeinbildung lässt sich deshalb wie ein Netz erweitern
Ein sinnvoller Lernprozess könnte so aussehen:
1. Einen Wissensknoten auswählen
Zum Beispiel: Französische Revolution.
2. Drei Verbindungen suchen
Was waren die Ursachen? Was waren die Folgen? Welche Personen spielten eine Rolle?
3. Einen überraschenden Zusammenhang suchen
Welche Verbindung gibt es beispielsweise zwischen der Aufklärung und der Revolution?
4. Das Wissen zeitlich und räumlich verankern
1789. Frankreich. Europa. Ende des 18. Jahrhunderts.
5. Später über das Netz abrufen
Nicht nur fragen: „Wann begann die Französische Revolution?“
Sondern: „Was hat die Französische Revolution mit der Aufklärung, Napoleon und den Menschenrechten zu tun?“
Genau hier unterscheidet sich Abfragewissen von vernetztem Wissen.
Beim Abfragewissen kennt man die Antwort.
Beim vernetzten Wissen kann man mit der Antwort weiterdenken.
Das eigentliche Ziel von Allgemeinbildung
Vielleicht lässt sich Allgemeinbildung deshalb besser als Landkarte denn als Lexikon verstehen.
Ein Lexikon beantwortet die Frage:
„Was ist das?“
Ein Wissensnetz ermöglicht zusätzlich:
„Womit hängt es zusammen?“
Und genau diese zweite Frage macht Wissen besonders leistungsfähig.
Wer weiß, dass 1789 die Französische Revolution begann, besitzt eine Information.
Wer zusätzlich versteht, dass die Revolution in den geistigen Kontext der Aufklärung gehört, mit den Ideen von Freiheit und Gleichheit verbunden war, die europäische Politik veränderte und schließlich den Aufstieg Napoleons begünstigte, besitzt einen Zusammenhang.
Aus einzelnen Fakten wird Orientierung.
Und vielleicht ist genau das der Kern von Allgemeinbildung: nicht alles zu wissen, sondern immer besser zu verstehen, wie die Dinge miteinander verbunden sind.